|
|
 |
Ob Cannes die Kuppel des Kinozirkusses darstellt ist weniger fraglich, als dass die Filmemacher, die sich darin befinden, ratlos sind. Immerhin, alles war schon mal da und überhaupt gibt es sowieso nur 4 oder 5 Geschichten -- wie soll man die immer wieder anders in Bilder übersetzen?
Also wird es versucht. Mit heute allen zugänglicher, herrlicher Bildgestaltung. Mit nicht-linearer Erzählstruktur. Mit den verschiedenen Snobismen der Wackelkamera, der unzugänglichen Anspielungen, dem Verlass auf des Zuschauers Komplizität in der Herstellung des Allgemeinen Geschmacknenners, seiner guttrainierten MacDonaldnatur und mit Frauenfilmen, Drittweltfilmen, Palästinenserfilmen (auch solche, die von Israelis gedreht werden), und hauptsächlich mit sicheren "Produktionswerten": grossen Namen, grossem Geld, grossen Leinwänden, grossen Illusionen, grossem Schummel und grossem Geschwätz. Das heisst dann Narrativkino und verseucht ganzweltlich die Leinwände.
Die Ratlosen, die sich diesem Zwang nicht beugen wollen (oder das Geld dazu nicht auftreiben können), haben sich dem Mythos Drehbuch verschrieben, wahrscheinlich weil es plötzlich für Drehbuchschreiber auf der ganzen Welt grosszügige Zuschüsse, Seminare und einen allgemeinen Modefimmel gibt. Dass dabei bebildertes Geschreibsel rauskommt, dass man bei diesen Filmen eigentlich auch als Blinder etwas mitbekäme (besonders in Deutschland, wo sowieso die fremdsprachigen Töne wegfallen), dass es dann leere Kinosessel gibt und sich ein braungebrannter täglich jünger aussehender Herr Fricker vom Karlsruher Multiplex darüber ärgert, dass man als Kritiker so wenig Sinn für seine (finanziellen) Bedürfnisse habe, und dass dieses Geschwätzkino sausicher keine Grenzen überschreiten wird - darauf antwortet die europäische Kommission (z.B.) mit immer höheren Zuwendungen für die Schreiberlinge, während die Gelder für die Förderung eines intelligenten Publikumsgeschmacks durch edukative Methoden (vielleicht die einzige Rettung für ein intelligentes Kino) radikal gekürzt werden. Auch vom Land Baden-Württemberg, auch von der Stadt Karlsruhe, auch von den eigentlich hierfür zuständigen Gremien der Region. Das mit dem Publikumsgeschmack haben die Herren nämlich leider falsch verstanden: sie meinen, es gäbe ihn und man müsse ihm fröhnen, statt einzusehen, dass er immer neu geschaffen, unterstützt, gefördert und nach anderen Kriterien als der nackten Unterhaltung beurteilt werden muss. Denn was das Publikum nicht kennt, Herr Fricker, das kann es auch nicht verlangen. more...
|