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Wir bildeten eine richtige Horde, ich sagte es schon und zu vergnügen wußten wir uns, sehr zum Nachteil der Mitwelt. >Herzogpark Bande<: Die Bezeichnung hatte einen deutlichen Akzent von Grauen, der uns mit Genugtuung erfüllte. "Die Mannskinder kommen, die Mannskinder kommen!" hieß es panisch, wenn wir das Trottoir hinuntertobten; und wir trugen den Kopf höher, da wir merkten, mit welcher Scheu man uns auswich. Wir verdienten unseren Ruf. Mit dem Schlimmsten, was wir betrieben, möchte ich anfangen: Wir waren Diebe, und zwar raffinierte.
Es begann damit, daß wir auf den Rat eines gewitzten Bekannten Pralines, Schokoladentafeln, Marzipaneier in kleineren Spezialgeschäften klauten; bald gingen wir zu Parfümflaschen, Büchern, Seife und ganzen kleinen Baumkuchen über. (Noch sehe ich einen meiner Freunde einen mit Schokoladeguß überzogenen und recht stattlichen Baumkuchen mit pathetisch weitem Griff in die Falten eines schwarzen Wotan Capes stecken.) Einmal arrangierten wir ein kleines Festmahl, bei dem alles gestohlen sein mußte: Vom Rollschinken bis zum Mineralwasser und zum Klosterlikör mit Bienenfleiß hatten wir's innerhalb einiger Tage zusammengerafft.
Mit Erfahrung und Übung stellte sich Technik ein; eine Technik, ausgebildet bis ins allerkleinste und feinste. Wenn wir das zum Opfer auserkorene Geschäft betraten, wirkten wir zunächst nicht anders denn etwas exzentrische, doch recht herrschaftliche junge Leute: Eine von uns schon in der schwarzen Pelzjacke (angefertigt aus Mamas gutem, abgetragenem Winterstück); wir in schlichten, aber flott gegürteten Lodenmänteln. Kaum waren wir eingetreten, verständigten wir uns darüber, ob das Etablissement für unsere Zwecke geeignet war oder nicht. Wenn irgend etwas uns störte, sagte gleich einer von uns: "Ach nein, dieses ist wohl kaum das Geschäft, das uns Mutti geraten hat." Entsprach das Geschäft >Muttis Rat<, blieben wir unerbittlich. Erika nimmt ihre ganze Würde zusammen und verlangt mit damenhaft umflorter Stimme Ingwer. Unsere reifste und feinste Freundin, die in der Pelzjacke durch den dämmerigen Hintergrund des Ladens streicht, erinnert hochmütig: "Ingwer in Packungen vergessen Sie nicht, liebe Baronin." Die Verkäuferin bekommt schon erstaunte Augen, doch das weltgewandte Fräulein im Lodenmantel verzieht keine Miene. "Es ist für ein Hochzeitsgeschenk", erklärt sie vertrauenerweckend. Und, plötzlich redselig: "Einige Bügeleisen und sonstiges hartes Gerät wird darübergepackt werden, so könnte die zarte Delikatesse nur zu leicht deformiert ankommen ach, so vorsichtig muß man ja sein." Das geängstigte Fräulein schielt mißtrauisch zu mir, der ich mich gar zu interessiert über ein Tischchen beuge, auf dem Bonbonnieren gruppiert sind. Aber Erika lenkt durch das enervierte Räuspern der anspruchsvollen Kundin die Aufmerksamkeit des armen Mädchens wieder auf sich: "Ingwer in Blechpackung also, wenn ich bitten darf." Das Fräulein kann nur die Achseln zucken: "Ob vwir das gerade vorrätig haben . . . " Aber die feine Dame im Lodenmantel bleibt halsstarrig und kapriziös, so hält sie das Fräulein in Atem. Während sie kramt und forscht, beschäftigen wir uns anderweitig. jemand raunt mir zu: "Gib acht auf den Spiegel! Die Person kann dich sehen!" Spiegel sind eine große Gefahr. Aber das bedauernswerte Fräulein ist zu sehr auf die Blechpackungen konzentriert. Schließlich kauft Erika ein Osterhäschen für 40 Pfennig. Als wir nachher in einem stillen Winkel unsere Taschen umdrehen, steltl sich heraus, daß wir mindestens für 4,50 Mark Süßes zu uns gesteckt haben. Ein Reingewinn also von 4,10 Mark. Wir finden, daß der Streifzug gelohnt hat.
Aus "Kind dieser Zeit" von Klaus Mann
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